{"id":112,"date":"2016-03-19T21:33:21","date_gmt":"2016-03-19T19:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.galerie-schwenk.de\/?p=112"},"modified":"2016-03-19T21:35:24","modified_gmt":"2016-03-19T19:35:24","slug":"aufschlussreiche-raeume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.galerie-schwenk.de\/?p=112","title":{"rendered":"Aufschlussreiche R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze an meinem Schreibtisch. Unausgeschlafen. Die W\u00f6rter zeigen sich nicht. Ich lausche nach drau\u00dfen: \u00a0es scheint zu regnen. Das Ger\u00e4usch der Autos, die vor dem Haus vorbeieilen, ist lauter als sonst: das Spritzwasser der Reifen rauscht. Die Unaufh\u00f6rlichkeit der Bewegung. Hier im Zimmer herrscht Stille.<\/p>\n<p>Ich lasse meinen Blick wandern. Berge von B\u00fcchern und Papier, in Regalen, nebeneinander, aufeinander. Der Tisch vor mir dagegen relativ leer: einige wenige Hefte, das Faksimilie von Peter Handkes Notizbuch und eine CD von Maria Callas, Glanzbilder von Schmetterlingen, eine Ausstellungseinladung: Museum Morsbroich,Leverkusen,\u00a0 Aufschlussreiche R\u00e4ume. Interieur als Portrait.<\/p>\n<p>\u201eWer durch mein Leben will, mu\u00df durch mein Zimmer\u201c, hat Thomas Brasch geschrieben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer mich wirklich erlebt, wer mit mir lebt, der kommt irgendwann auch in dieses Zimmer. Niemand ohne Erlaubnis hat es bis jetzt betreten. Da bin ich konsequent und stolz und vorsichtig.<\/p>\n<p>Erinnerungen an die Ausstellungser\u00f6ffnung tauchen unvermittelt auf: Schloss Morsbroich an einem\u00a0regnerischen Vormittag, der B\u00fcrgermeister wird vom Chauffeur bis direkt vor die Schlosstreppe gefahren. Dorthin kommt nur noch eine gehbehinderte, \u00e4ltere Besucherin mit ihrem Taxi. Alle anderen laufen vom Parkplatz \u00fcber das alte Steinpflaster \u00fcber den Schlossvorplatz, hinauf auf die\u00a0Treppe, von der man eine sch\u00f6ne Aussicht hat auf Platz und umgebende Geb\u00e4ude, und durch den\u00a0Haupteingang. Der Eingangsbereich erscheint eng, Menschen m\u00f6chten wieder hinaus und schieben sich an den neu Ankommenden vorbei, die in einer Schlange geduldig auf die Abgabe ihrer Garderobe warten. Dann \u00f6ffnet sich der Raum zum Treppenhaus mit seinem hohen Gel\u00e4nder und\u00a0den Zug\u00e4ngen zu den weiteren R\u00e4umen. Was bedeutet Raum? Freie Fl\u00e4che. Zugestellte Fl\u00e4che.\u00a0Licht. Lichtf\u00fchrung. Fenster. Gl\u00fchbirnen. Und in diesen Schlossr\u00e4umen Bilder und Darstellungen von\u00a0anderen R\u00e4umen mit ihren Interieurs. Interieur als Portrait, der Gedanke gef\u00e4llt mir, Dinge als Stellvertreter f\u00fcr Menschen, Bewohner, Passanten. F\u00fcr ihre intime Gedanken, Phantasien und Erfahrungen. L\u00e4sst sich der Besucher der Ausstellung auf einen Dialog mit ihnen ein, antwortet er mit seinen eigenen Phantasien, Gedanken und Erlebnissen?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich eine ungewohnte Empfindung, fast lustige Erfahrung: in dicken,grauen, ausgeliehenen Filzpantoffel-Schlappen gleite ich wie auf einer Eisfl\u00e4che auf einem flauschigen, schwarzen Teppichboden dahin, W\u00e4nde und Decke sind ebenfalls schwarz gef\u00e4rbt. Da kommt beim Dahinrutschen Oben und Unten ins Wanken. Gleichzeitig stehen die Dinge aber alle \u201erichtig\u201c herum, die V\u00f6gel, die Ampel mit Vogel, die Betrachterin vor dem Fenster, eher ein Geist, verschleiert und vermummt in Wei\u00df, als eine reale menschliche Figur. Claus Richters Inszenierung eines Vogelsammlers im Stil des Art Deco hat etwas Theatralisches, das gut in diese Schloss-Kulisse passt.<\/p>\n<p>Einzelteile aus einem Sperrm\u00fcllhaufen an der Stra\u00dfe. Dinge, die andere Menschen aus ihrem Kontext gel\u00f6st haben und loswerden wollen. Der Fotograf Ralph Schulz sammelt diese Dinge nachts und\u00a0dokumentiert die Einzelteile eines solchen Sperrm\u00fcllbergs in Plastikh\u00fcllen (Dokumentenh\u00fcllen).Mit den Fragen, wem diese Dinge wohl geh\u00f6rt haben und wo sie sich vorher befunden haben, stellt er dann die Einzelteile neu zueinander (alles immer nur aus ein und demselbem Sperrm\u00fcllhaufen).\u00a0Es entsteht ein neuer Kontext. Was ist das f\u00fcr ein Mensch, der damit leben k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Zeige mir dein Zimmer und ich sage dir, wer du bist. Simone Demandt hat das Interieur von Garagen fotografiert. Es scheint so intim wie der Inhalt von Damenhandtaschen, weg vom Repr\u00e4sentationscharakter. Individuelle Flucht- und Freir\u00e4ume vor der Krake Familie. Wie viel \u00dcberredungskunst es die K\u00fcnstlerin wohl gekostet haben mag, ihren offenbarenden Blick in diese\u00a0privaten Kosmen werfen zu d\u00fcrfen? Erstaunlich viel \u201eFreude am Leben\u201c (so der Titel der Fotoserie)\u00a0hat sie dort gefunden. Noch lange sehe ich das kleine rote Indianerzelt mitten vor den Kacheln der\u00a0Garagenr\u00fcckwand vor mir.<\/p>\n<p>Auf Gem\u00e4lden dann unvermittelt Interieurs des Schlosses vor mir: ein T\u00fcrrahmen, nur die Ecke vom Boden und seitlichem Rahmen, davor ein liegengelassenes Unterhemd, ein anderes (oder das gleiche?) h\u00e4ngt auf einem anderen Bild \u00fcber dem Gel\u00e4nder eines ansonsten menschenleeren Treppenhauses. Es hat \u00c4hnlichkeit mit dem Treppenaufgang des Schlosses, auf dem sich heute die\u00a0Besucher schieben und dr\u00e4ngeln. Die Leere auf dem Gem\u00e4lde weckt die Sehnsucht nach mehr Bewegungsfreiheit. Ein weiteres Bild, wieder ein leerer Raum, ein Rucksack, wie zuf\u00e4llig am Eingang\u00a0abgestellt, schwarz und real in seiner Pr\u00e4senz. Hier ist jemand angekommen \u2013 und k\u00f6nnte doch sofort wieder aufbrechen: nichts ist ausgepackt, alles bereit zum Weitergehen. Bleibt dieser jemand vielleicht unbemerkt, hinter einer Tapetent\u00fcr in einem kleinen, unscheinbaren Raum. Dort liegt auf dem Boden auf einer Matratze ein Mann, nackte F\u00fc\u00dfe, ein Arm angewinkelt unter den Kopf geschoben. Der Raum vor dieser T\u00fcr ist sehr leer, ebenso der Raum, in dem ein kaputter Spiegel in einem weiteren Bild gezeigt wird. Er spiegelt weder Raum noch Betrachter, funktionslos, nur noch mit sich befasst, hat er die Jahre \u00fcberdauert.\u00a0Die Gem\u00e4lde von Robert Haiss sind time capsules, Zeitboxen. Sie halten Zeit und Raum fest. Die Menschen haben ihre Dinge da gelassen. Wann war das? Heute, gestern, vor langer Zeit oder in der\u00a0Zukunft? Zeitlose Bilder oder gef\u00fcllt mit vielen Zeiten, die Ver\u00e4nderungen minimal. Auf mehren Bildern: das Unterhemd, intim, auf der Haut getragen, im Bett nicht ausgezogen, erotisch. Die H\u00fclle l\u00e4sst den K\u00f6rper erahnen. Und doch: das letzte Hemd kann man nicht mitnehmen, aber man kann sein letztes Hemd geben als Liebes- und Freundschaftsbeweis. Ist das Hemd dort liegen- und\u00a0h\u00e4ngen gelassen worden oder kunstvoll achtlos drapiert? Wer war da anwesend?<\/p>\n<p>Zwei R\u00e4ume weiter zeigen auf den Fotos von Bernhard und Anna Blume die Dinge eine sehr lebendige Pr\u00e4senz. Sie sind wild in Bewegung und aus ihrer angeraumten Ordnung ausgebrochen,\u00a0attackieren sogar den Menschen im Zentrum von \u201eVasenekstase\u201c, der geh\u00f6rig aus dem Gleichgewicht gebracht zu sein scheint. Die Objekte mischen das gutb\u00fcrgerliche Alltagsleben geh\u00f6rig auf, \u00a0rei\u00dfen es aus seiner Routine. Die Blumes haben diese Kraft eher den Dingen als den Menschen zugetraut.<\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, habe ich mir oft vorgestellt, dass die Dinge in meinem Zimmer nachts lebendig wurden. Es war mir ein bi\u00dfchen unheimlich, wenn ich die n\u00e4chtlichen Schatten in meinem Zimmer beobachtete, aber sehr gern h\u00e4tte ich meine Stofftiere, Puppen und B\u00fccher bei ihrem n\u00e4chtlichen\u00a0Tun \u00fcberrascht. Nur sehr selten habe ich das im Traum endlich tun d\u00fcrfen. Nach diesem Ausstellungsbesuch wirkt mein Blick neuer und fremder auf mein Zimmer. Wie viel vergangene Zeit birgt es und welche? Welche Ideensammlungen finden sich in B\u00fccherstapeln, Zeitschriftent\u00fcrmen, CD Stapeln und Regalmetern? Wie viele kleine Dinge sind mir unentbehrlich geworden, weil sie f\u00fcr eine bestimmte Lebenserfahrung stehen? Ich habe Lust, auf Expedition zu gehen, schon heute Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Aufschlussreiche R\u00e4ume \u2013 Interieur als Portrait \u2013 Museum Morsbroich, Leverkusen<\/strong><\/p>\n<p>noch bis 24. April 2016<\/p>\n<p>mit Arbeiten von:\u00a0Richard Artschwager, Miriam B\u00e4ckstr\u00f6m, Anna &amp; Bernhard Blume, Shannon Bool, Romain Cadilhon,\u00a0Simone Demandt, Robert Haiss, Roy Lichtenstein, Mark Manders, Carlo Mollino, Claus Richter, Ralph Schulz, Andreas Schulze, Ene-Liis Semper, Matthias Weischer und Anrea Zittel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze an meinem Schreibtisch. Unausgeschlafen. Die W\u00f6rter zeigen sich nicht. Ich lausche nach drau\u00dfen: \u00a0es scheint zu regnen. Das Ger\u00e4usch der Autos, die vor dem Haus vorbeieilen, ist lauter als sonst: das Spritzwasser der Reifen rauscht. 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